Bücherecke

In der Bücherecke rezensiert unsere Literaturpädagogin Franziska Khan regelmäßig Neuerscheinungen auf dem Kinderbuchmarkt. Im Monat Januar 2017 gibt es einen Gastbeitrag von Eva Stollreiter: 

Michael Roher
Der Fluss
2016 Verlag Jungbrunnen, €14.95, 36 S., ab 4 J.

In unzähligen Büchern spielen der Fluss und seine Symbolik eine signifikante Rolle. Häufig steht der Fluss für den ständigen Wandel im Leben, dem sich der Mensch nicht verwehren kann. In diesem Sinne betonte schon Heraklit im antiken Griechenland, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann. Denn nicht nur der Fluss, sondern auch wir Menschen verändern uns ständig. So ist jeder Moment anders.

Mit dem neuen Bilderbuch Der Fluss von Michael Roher wird dieses Motiv vom Fluss des Lebens erneut aufgegriffen. Es erzählt uns in wenigen Sätzen die Geschichte eines Mädchens mit roten Haaren. Der Fluss Von der Geburt bis zum Tod ist sein Schicksal eng verbunden mit dem Lauf ein und desselben Flusses – sei es, dass es in dem Fluss als Kleinkind das Laufen übt, als junges Mädchen in einem Papierboot dahinschippert und die Welt entdeckt oder sich später verliebt und als stillende Mutter auf dem Wasser treiben lässt. Als Greisin verlässt das Mädchen schließlich den Fluss und geht auf der gefrorenen Oberfläche spazieren, womit sich der nahende Tod andeutet. Das Spektrum des Lebens mit seinen Veränderungen wird so Doppelseite für Doppelseite in Momentaufnahmen eingefangen.

Die Illustrationen werden von den Farben Rot (das rothaarige Mädchen) und Blau (der Fluss) dominiert. Die Collagentechnik verleiht ihnen Lebendigkeit und pointiert das Grundmotiv steter Veränderung. Es sind insbesondere surreale Details, die die Fantasie anregen. Wir begegnen Seeungeheuern, einem Fahrradfahrer, der an dem Bauch eines übergroßen Fischs entlang fährt, oder einer Katze mit Krone. Der Erzähltext ist kurz: Pro Doppelseite und Bild trifft der Leser auf einen Satz, mit dem ein lyrisches Du von einem lyrischen Ich angesprochen wird. Beides, Ich und Du, bleiben dabei im Ungefähren.

Genau aus dieser Erzählkonstruktion bezieht das Buch zugleich seinen Reiz. Denn das Du könnte das Mädchen, der Fluss, aber auch das Leben ganz allgemein sein. Vielleicht auch der Leser. Schon die erste Frage Wo fängst du an? verweist im Verbund mit den Illustrationen und der Antwort Vielleicht, denke ich, vielleicht im Himmel auf mehrere mögliche Interpretationen des lyrischen Dus und auf die existenzielle Dimension dieses Werks von Michael Roher.

Das Bilderbuch Der Fluss lädt zum Philosophieren über das Leben und das Sein, über den Tod und die (menschliche) Identität, ja, auch über das Glück ein. Und endet tröstlich. Denn als der Tod des Mädchens bevor steht, fragt das Ich: Und wo endest du? Im Himmel vielleicht, denke ich, … Die letzte Doppelseite, auf der das nunmehr leere Papierboot aufs Meer hinaus treibt, gibt uns eine Antwort: … und endest doch nie. Alles geht immer weiter.

Eva Stollreiter, Januar 2017

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