Bücherecke

In der Bücherecke rezensiert unsere Literaturpädagogin Franziska Khan regelmäßig Neuerscheinungen auf dem Kinderbuchmarkt. Im Monat Oktober 2017: 

Helga Bansch (Text und Ill.)
Achtung Ziesel!
2017 Jungbrunnen Verlag, € 14.95, 32 S., ab 4 J.

Antje Damm (Text und Ill.)
Plötzlich war Lysander da
2017 Moritz Verlag, € 12.95, 36 S., ab 4 J.

ZieselWelches Tier aus der Familie der Erdhörnchen ist entweder grau oder braun, hat Flecken oder Streifen, lebt in kargen Bergketten und hat dehnbare Backentaschen zum Verstauen von Nahrung? Richtig! Das Ziesel. Wenn Sie sich schon immer ein Bilderbuch mit genau diesem Nager als Protagonisten ersehnt haben, wurde Ihr Wunsch nun von Autorin und Illustratorin Helga Bansch erhört.

In ihrer aktuellen Publikation Achtung Ziesel! treffen sich regelmäßig die Bewohner eines Sees, um im Chor miteinander zu singen. Eines Abends taucht bei der Probe ein Ziesel auf. Die Chormitglieder starren es ungläubig an – bis Anna, die Möwe, ausruft, was offenbar alle denken: Ein Ziesel! Bringt euch in Sicherheit! Panisch fliehen alle vor dem Fremdling. Was auf den ersten Schrecken folgt, ist reine Abschottungspolitik, um sich vor dem vermeintlichen Angreifer zu schützen. Zunächst wird eine Festung gebaut, dann soll Schlamm das Ziesel in die Flucht schlagen. Doch nichts hilft. Auch der dritte Versuch, sich unter Wasser zu verstecken, scheitert, denn auch hier überwindet das Ziesel das Hindernis problemlos.

Die Tiere – mittlerweile in Kampfeslaune – sind daraufhin wild entschlossen, sich nun auch mit Steinen und Schlagstöcken zu verteidigen. Da gelingt es dem Ziesel in letzter Minute, nach der Chormitgliedschaft zu fragen. Angst und Panik der Chormitglieder weichen Überraschung und Freude über das Interesse an ihrer Runde. Eine Doppelseite weiter hat sich die Stimmung komplett gedreht. Das Ziesel wird vollwertiges Mitglied der Gruppe und bereichert den Chor durch sein Pfeifen. Doch warum ändern die Tiere ihre Meinung? Hier bleibt eine spannende Leerstelle im Text, die dem Leser Rätsel aufgibt.

Mehr noch als der Text lassen Helga Banschs Illustrationen dem Betrachter Raum für Fantasie. Die Autorin bleibt ihrem Collagenstil treu, den wir schon aus ihren früheren Werken kennen, und montiert gekonnt mit Tusche colorierte Bleistiftzeichnungen auf unterschiedlichen Hintergründen wie zum Beispiel einfarbigem Karton oder Zeitungspapier. Immer übersichtlich und nie zu farbintensiv gestaltet, sind auf jeder Seite die Szenen so dargestellt, dass sie in einem weiten, offenen Raum spielen.

LysanderWelchen alternativen Umgang es mit dem Fremden gibt, illustriert auch Antje Damms neuestes Werk Plötzlich war Lysander da. Es erzählt die Geschichte einer Mäusefamilie, die eines Tages zur Aufnahme des Lurchs Lysander „verdonnert“ wird. Auch hier herrscht zunächst Unbehagen und Unsicherheit gegenüber dem unbekannten Gast. Doch anders als in Achtung Ziesel! schlägt die Stimmung nicht in Panik um. Die Mäuse äußern zwar untereinander ihren Verdruss, bleiben Lysander gegenüber aber stets höflich und gewähren ihm ihre uneingeschränkte Gastfreundschaft. Belohnt wird dies mit einer wundervoll farbenfroh blühenden Salatpflanze, die binnen einer Nacht in der ganzen Wohnung gedeiht und damit den bislang einseitigen Speiseplan der Familie erweitert.

Die beklemmende Situation wird von Antje Damm kammerspielartig im Bau der Mäusefamilie in Szene gesetzt. Die Illustrationen verstärken den Eindruck der Bedrängnis, in der sich die Familie zu Beginn befindet. Der Bau ist eng und dunkel. Als ihn der knallrote Lysander betritt, ist er der einzige Farbklecks in der tristen Umgebung. Er bringt Bewegung in das Zuhause der Mäuse. Die Szenen sind mit gemalten, ausgeschnittenen und im Bau positionierten Figuren abfotografiert und verleihen den Standbildern zusätzlich dreidimensionale Tiefe und Lebendigkeit.

Was also lehren uns diese beiden Bilderbücher? Das Öffnen eines vertrauten Kreises bedeutet eine Veränderung, die nie ganz reibungslos verläuft, der man sich aber stellen muss. Manchmal reichen etwas Geduld sowie die Bereitschaft dazu aus, sich auf das Unbekannte einzulassen, statt mit Aggressivität und Abschottung zu reagieren, sobald die Routine des Immergleichen aufgebrochen wird. Diametral zu Archimedes von Syrakus’ berühmten Ausspruch, man solle seine Kreise nicht stören, ließe sich zugleich der Slogan formulieren: Wer den Kreis betritt, stört nicht, sondern bereichert! Denn nur gemeinsames Aufgeschlossensein macht auch kollektiv zufrieden.

Die kleine Maus Kathinka macht es vor. Allein sie traut sich in Lysanders Nähe und fragt ihn neugierig: Dir macht es Spaß, wenn alles so richtig dreckig ist, stimmt’s? Das sehe nur so aus, antwortet der Lurch. Vielsagend lächelnd prophezeit er: Wartet bis morgen, dann werdet ihr schon sehen. Und sie sahen, aßen und besiegten ihre Angst vor dem Fremden. Er ist zum neuen Familienmitglied geworden.

Franziska Khan, Oktober 2017

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Rezension aus dem Monat Januar 2017 (Eva Stollreiter):
Michael Roher: Der Fluss
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Rezension aus dem Monat August 2016
Anja Tuckermann / Tine Schultz (Ill.): Alle da!
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Rezension aus dem Monat April 2016
Toon Tellegen / Ingrid Godon (Ill.): Ich denke
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Rezension aus dem Monat November 2015 (Jana Nopper)
María Julia Díaz Garrido: Als die Vögel vergaßen, Vögel zu sein
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Rezension aus dem Monat September 2015
Heinz Janisch: Wo kann ich das Glück suchen
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Rezension aus dem Monat Juli 2015
Benjamin Alire Sáenz: Dante und Aristoteles …
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Rezension aus dem Monat Mai 2015
Davide Calì: Mein Vater, der Pirat
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Rezension aus dem Monat März 2015
Antje Damm: Echt wahr?
Patrick George: Eins, zwei, drei … Zahlen
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Rezension aus dem Monat Januar 2015
Kristina Calvert, Eva Muggenthaler: Lügen Ameisen eigentlich?
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