Bücherecke

In der Bücherecke rezensiert unsere Literaturpädagogin Franziska Khan regelmäßig Neuerscheinungen auf dem Kinderbuchmarkt. Im Monat August 2018: 

Thomas Engelhardt, Monika Osberghaus (Text)
Susann Hesselbarth (Ill.)
Im Gefängnis : Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern
2018 Klett Kinderbuch Verlag, €14.00, 96 S., ab 8 J.

Sina weiß nicht, wie ein Gefängnis von innen aussieht. Als ihr Vater Robert wegen einer Straftat ins Gefängnis muss, würde sie gerne mitkommen, um ihn zu verabschieden. Aber ihre Eltern wollen es nicht. – Da rund 100.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland Sinas Schicksal teilen, kam den Autoren Thomas Engelhardt und Monika Osberghaus die Idee zu Im Gefängnis. Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern. Einem Buch, das den Weg in das Gefängnis und das Leben dort dokumentiert. Das Prinzip: Weil Sina nicht mitdarf, geht dieses Buch jetzt mit. An den Ort, den man nicht kennt.

Im GefängnisDie Figuren in dem eigentlich zu großen Teilen sachlich geschriebenen Buch sind ausgedacht und haben etwas Ideal­typisches. Auf den ersten Blick scheint alles Dargestellte etwas zu glatt. Alles verläuft positiv und liest sich wie „eine Bilderbuchgeschichte“. Zwar schreiben sich Sina und ihr Vater Briefe, in den sie einander ihre durchaus ambivalenten Gefühle und Bedenken, großen Sorgen und Wünsche mitteilen. Dabei werden aber kaum negative Vorkommnisse thematisiert.

Und doch verfolgt das Konzept des Buches ein kluges Kalkül: Nur die Briefe machen das Leben hinter Gittern greifbar. Dabei räumen die Autoren auch ein, dass es viele Kinder in der Realität wesentlich schwerer haben. Aber da dieses Buch betroffenen Kindern Mut machen und sie durch die harte Zeit  begleiten soll, wollten wir der Verzweiflung nicht zu viel Raum geben.

Denn gerade weil Roberts Justizvollzugsanstalt in einem nüchternen Ton neutral dargestellt wird und die Zeichnungen von Susann Hesselbarth ein wenig an ein Schulbuch erinnern, hat das Buch zuweilen einen etwas tristen Anstrich. Hier steht der Text im Vordergrund, nichts soll die Ernsthaftigkeit dieses Themas bagatellisieren. Die Illustrationen bleiben dezent am Textrand und lockern das einfach gehaltene Layout auf.

Alle Facetten werden thematisiert, werden ohne sie zu beschönigen. Dadurch bekommt der Leser einen komplexen Einblick in den Gefängnisalltag. Ausführlich gehen die Autoren auf das Personal, das Gelände, den Haftraum und die Arbeitsbereiche für die Gefangenen ein, darauf, welche Regelungen bei Besuch zu beachten sind und wie Weihnachten gefeiert wird, welche Probleme es gibt (wie z.B. Erpressung durch Banden und Schmuggelei), warum Einsamkeit und Heimweh so präsent sind und warum Haft­erleichterungen mit den damit verbundenen ersten Wochenenden wieder zu Hause so wichtig sind. Positiv fällt auf, dass die Autoren viele Fachwörter zum Gefängnisdeutsch in einem Glossar nennen und sie verständlich erklären. Empfehlenswert wie unterhaltsam ist auch ein Blick in die Erläuterungen zur Knastsprache. Oder wissen Sie, was zum Beispiel ein Brühmann ist? Eine Tasse Kaffee.

Engelhardt und Osberghaus nähern sich dem Leben hinter Gittern behutsam an und bringen bereits zu Beginn auf den Punkt, was das Thema so schwer zu fassen macht: Eigentlich machen Gefangene fast die gleichen Sachen wie Menschen in Freiheit: Sie  schlafen, essen, arbeiten, machen Sport, lesen, sehen fern, hören Radio und spielen an der Playstation. Mit manchen Menschen streiten sie, mit manchen verstehen sie sich gut. Trotzdem sind sie in einer anderen Welt. So werfen sie schließlich auch die Frage auf, wie sinnvoll diese Einrichtung ist. Die Antwort sei offen.

Franziska Khan, August 2018

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Archiv

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